Inspiration: Kolumne
FORT-SCHRITTE
Wir sprechen in unserer Gesellschaft oft von Fortschritten. Jede:r soll permanent Fortschritte machen. Ohne Fortschritte ist schnell die Rede von Stillstand. Und dieser ist ja bekanntlich ein Rückschritt. Sich weiterentwickeln, selbst verwirklichen, dazu lernen, neues, besseres, mehr und größeres. So wird es von uns erwartet. Für mich hat das Wort „Fortschritte“ seit kurzem einige ganz andere (und gefühlt neue) Bedeutungen.
Ich kann wieder (Fort-)Schritte ohne Gehhilfen (sprich Krücken) machen! Das ist für mich einer der größten Fortschritte der letzten vier Monate. Und wortwörtlich betrachtet kann ich diese „Fort-Schritte“ ganz selbständig und sogar schon ganz gut machen. Schritt für Schritt. Noch ein bisschen vorsichtig (was gut ist), aber mutig (was gut tut). Der Kopf wird durch die Bewegung kurzfristig frei. Mein Gefühl in Herz und Seele ist unverändert. Aber ich kann meine Position verändern – und somit meine Sichtweise. Fort-Schritte ermöglichen neue Einstellungen. Erforderlich dafür sind lediglich zwei Sachen: die Fähigkeit und die Bereitschaft. Die Fähigkeit, Schritte zu machen, habe ich wieder. Das Können des Gehens ist wieder da. Und die Bereitschaft, Fortschritte zu machen – also das Wollen, ist auch vorhanden. Der Wille in mir, nicht im Negativen zu verharren. Können und wollen gehen idealerweise Hand in Hand. Bei so vielen persönlichen Themen. Kommunikation, Teamfähigkeit, dem Leben generell und auch beim Umgang mit Veränderungen. Wenn eines fehlt (das Können oder das Wollen) wird es schwierig.
Bei Fortschritten ist auch noch die Richtung vom „Fort“ entscheidend. „Weg von“ oder „hin zu“ etwas. Speziell im Coaching ist das „Wohin“ immer wieder ein Thema. Nur „weg von“ hat noch keinem Menschen langfristig auf den passenden Weg gebracht. Ich habe momentan keinen Plan, kein Ziel. Ich gehe einfach und mache meine (Fort-)Schritte. Die wieder mögliche Bewegung ist eine Wohltat für mich. Da braucht es gar nicht mehr. Ich sehe die kleinen Schönheiten am Weg voller Bewunderung an und fotografiere aktuell gefühlt jede Blume und jeden Baum. Auch, wenn der Weg steinig, anstrengend und langwierig ist. Wir können auch jammern darüber. Es ist unsere Wahl. Ich habe für mich so gewählt, dass ich mir – ehe ich die Welt auch von oben sehen darf – herunten noch einiges ansehen möchte. Und das bestenfalls voller Dankbarkeit, Achtsamkeit und einem wachen Geist.
