Inspiration: Kolumne
(ER)FINDEN WIR UNS (ER)NEU(T)
„Sich neu erfinden“ oder „sich (er)neu(t) finden“. Das Thema „sich neu erfinden“ boomt aktuell in unserer Gesellschaft – so zumindest mein Gefühl. Es gibt zahlreiche Ratgeber dazu in Buchform, man kann Seminare zur persönlichen Neuerfindung buchen – es wird angekündigt, dass man jede:r und alles sein kann, was man nur möchte. Selbstoptimierung wird zur Lebensaufgabe.
Die Veränderungen passieren freiwillig, wenn uns „das Alte“ nicht mehr passt oder gefällt – mit dem Ziel, besser, schöner, zufriedener und reicher zu sein (reicher zumindest an Erfahrungen). Oft sind diese Erneuerungen eher für das Außen gedacht – um eine bessere Wirkung zu erzielen. Der Pfeil zeigt also weg von uns (und meist steil nach oben) und das Ziel wirkt (und ist) oft unerreichbar und jedenfalls in der Ferne. Da „müssen“ wir hin, um endlich zufrieden und glücklich zu sein. Diesem Projekt mit uns selbst stehe ich persönlich etwas kritisch gegenüber.
„Sich (er)neu(t) finden“ hingegen gefällt mir schon deutlich besser. Die Wirksamkeit gilt ausschließlich unserem Inneren, wenn wir uns auf die Reise zu uns selbst begeben. Wir haben die Gelegenheit, sich mit uns selbst zu beschäftigen, unsere Stärken zu erkennen und diese „aufzupolieren“. Unsere Talente ausfindig zu machen und daraus etwas zu gestalten. Unsere Einstellungen, Denkweisen und Haltungen zu prüfen, überdenken und vielleicht zu korrigieren.
In diesem Fall zeigt der Pfeil direkt zu uns – also in die entgegengesetzte Richtung wie bei der Neuerfindung. Das „sich selbst Finden“ ist ein Prozess und ich denke, es ist der wichtigste unseres Lebens. Gerade herausfordernde Zeiten bieten sich als ideale Gelegenheit dafür an, wieder mal in unser eigenes Innerstes zu blicken – liebevoll, wertschätzend und voller Klarheit. Wo stehe ich? Wie geht es mir? Was brauche ich? Was brauche ich nicht (mehr)?
Das Leben ist für mich mitunter der Weg zu uns selbst. Uns selbst zu finden und das, was wir finden, auch zu lieben. Das Leben bringt Wellen, Hürden und Stolpersteine. Ich versuche, diese als Gelegenheiten zu sehen, um mich weiterzuentwickeln. Um mich anzunehmen. Um anzukommen ganz bei mir. Je näher wir uns selbst sind, umso eher kann sich Ruhe in uns breit machen. Diese Ruhe macht uns ausgeglichen, zufrieden und schlägt Wurzeln, die uns gut verankern, so dass wir in erneuten stürmischen Zeiten einen guten Halt haben und uns nichts so schnell mehr umhauen kann.
